Grangor 2 (Neferu)

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Die Erinnerungen spielten sich greifbar vor ihrem inneren Auge ab, trieben sie ziellos durch die kanalzerfurchte Stadt. Die Praiosscheibe begann hinter den Häusern Grangors zu versinken, während Neferu analytisch und nachsinnend darauf aus war, ihre Gefühlswelt zumindest in den Ansätzen zu begreifen und nötigenfalls systematisch zu bekämpfen.

Noch während der Ermittlungen waren Doran Harder und seine Immanspieler in einem Gässchen über sie und Richard hergefallen, da er die zwei für den Tod seines Vaters verantwortlich gemacht hatte, der ermordet worden war als beide sich erst knapp drei Tage in Grangor aufhielten – die Bettler, die unter ihren Lumpen auch Gaukler waren, retteten sie beide in letztem Moment vor dem Ende als blutiger Fleck auf einem Grangorer Müllhaufen. Auch Phexdan war unter den Spielenden und Tanzenden. Zwischen zwei halbbekleideten Frauen, die wie strahlende Ausgeburten Rahjas wirkten und ihm ihre üppigen Fronten zugewendet hatten, jonglierte er Messer.
Sie erinnerte sich, dass sie ihn angesprochen und er sie verlegen gemacht hatte. Die Stirn runzelnd schritt sie schnell die Straße entlang. Sie konnte sich beim besten Willen nicht an seine Worte entsinnen… Am selben Tag hatte sie den Gardisten Peffer nach Phexdan befragt.
…ständig wollen Frauen Informationen über ihn…
…er ist es gewohnt, dass er weibliche Aufmerksamkeit auf sich zieht…
…glaubt Ihr, Ihr seid die erste, die nach ihm fragt?

Einen Tag später war sie in die „Offene Hand“, die Pilgerherberge gegangen, um ihn zu suchen – sie hatte zwar weitgehend alle wichtigen Informationen zu den Mordfällen, aber das tat nichts zur Sache. Sie fand ihn. Nach geringem Wortwechsel wandte sie sich an einige Soldaten, die ihr bekannt waren und begann zu würfeln – Die Garetherin verstand es als ihre Pflicht ihm zu signalisieren, dass sie seine Anwesenheit nicht benötigte und auch nicht viel auf sie gab. Er verließ die Herberge, schnell folgte sie – leise und keinen Laut verursachend. Durch mehrere Gassen war sie sein Schatten. Dann plötzlich passte er sie hinter einer Hausecke ab. Ein zugemüllter Hinterhof, nur er und sie. Kurz hatte sie überlegt, ob sie sich ihm wie eine räudige, läufige Hündin um den Hals werfen sollte, ehe sie sich eine Minute lang für diesen entwürdigenden Gedanken verachtete. Sie war stolz und sie durfte keine Blöße zeigen. Auf seine Frage, wo sie hinwolle, fielen ihr nur schlechte Ausreden ein. Normalerweise war sie deutlich besser im Lügen, man konnte fast meinen, sie hätte diese Gabe perfektioniert, aber hier, vor ihm, hatte sie ein Gefühl wie vom Fieber. Ein ähnliches wie jenes, das einen unangenehm beengend überkommt, wenn ein Lehrender eine Frage stellt und man die Antwort nicht weiß, während andere lachen. Ähnlich, ja – nur erregender und weniger unangenehm.
Sie stellte rasch in einem armseligen Rettungsversuch ihres Gesichts die Gegenfrage.
„Ich wollte nur sehen, ob du mir folgst…“
Pause. Sie musste ihn angesehen haben wie… wie.. ja wie eigentlich?
Sie zog die bodenlos amateurhafte Zeichnung ihres Gegenübers aus der Tasche unter der in geschwungener Schrift sein Name prangte. Das Bedürfnis war in ihr gewachsen, ihm seine Unwichtigkeit vor Augen zu führen.
„Ich wollte nur das hier auf den Müll werfen.“
Er nahm ihr das Papier ab und steckte es in seine Jacke.
Ihre Hände berührten sich.
Sie betete zu Phex, dass sie ihn temporär würde brandmarken können und es gelang. Der Stern funkelte auf seiner Handfläche, während sie ihm in ruhiger, bemüht selbstsicherer Art zulächelte. Dann ging sie und ließ ihn zurück – wie immer schnell und ohne zurückzublicken. Sollte er nur nicht denken er sei ihr einen Blick zurück wert.
Als sie auf ihre eigene Handfläche sah, wurde sie beinahe geblendet. Ein Stern, wie sie nie zuvor einen gesehen hatte, leuchtete ihr eindrucksvoll entgegen.
Wieder einen Sonnenlauf später gingen sie und Richard mit Phexje auf den Markt, dem jüngsten Spross der Familie Hortemann. Nicht einmal ein dutzend Jahre alt und gewitzt, wie er bewies. Neferu kaufte ihm einen Holzfuchs. Sie empfand das nur als passend, nachdem er ihr eine gestohlene Dukate präsentiert hatte. Gemeinsam suchten sie Phexdan, der mit der Efferdhochgeweihten in eben jenem Tempel stand. Diesmal in gutbürgerlicher, blaufarbender Kleidung und dazu passendem Barett.
Kurze Aufruhr, Peinlichkeiten, ein knappes Gespräch – er hatte versucht sie auszufragen, sie war bemüht abzublocken.
„Ich werde dann erstmal nicht tiefer in dich eindringen.“ beschwichtigte er nachsichtig.
Innerlich war ihr die Kinnlade bei dieser eindeutigen Zweideutigkeit auf die Füße gefallen.
Unglaublich…
Er war ein Herzensbrecher. Ein Weiberheld, der ohne Zweifel, ohne einen winzigen Kratzer in seinem Selbstbewusstsein davon ausgehen konnte, dass die Frauenwelt Deres seinem Charme hoffnungslos verfiel.

Phexjes Fuchs fiel wenig später ins Wasser und der ältere Phex rettete ihn und zeigte seinen gut gebauten Körper anschließend in eng anliegender, nasser Kleidung.
Sie begleitete ihn auf sein Zimmer in die „Offene Hand“. Er zog sich vor ihr aus – nachdem sie dem Anblick des wohlgeformten Oberkörpers ansichtig geworden war, wandte sie sich gehetzt zur Tür. Sie hörte im Rücken seinen Gürtel klirren und schloss kurz die Augen.
Wenn jemand einen Strick um ihren Hals gelegt und fleißig daran gezogen hätte, wäre das Gefühl in ihrer Halsregion ähnlich gewesen, hatte sie in jenem Moment gemutmaßt.
Vier Stunden hatte sie ihn für sich. Sie erzählte viel und bot ihm ihre Schneeflockenkette an, was sie einen Wimpernschlag wieder bereute – zu aufdringlich. Er nahm die Halskette nicht an, aber gab ihr im Gegenzug eine von den seinen (eine beträchtliche Sammlung). Ein leeres Medaillon.
„Du hast gesagt, du sammelst Andenken an Dinge, an die du dich erinnern willst. Und ich will, dass du dich an mich erinnerst.“
An jenem Tag fand sie auch heraus, dass Phexje und Phexdan Brüder waren (dass es sich bei den beiden doch nur um Blutsbrüder handelte, erfuhr sie erst sehr viel später). Es wunderte sie nicht im Mindesten.
Den letzten Tag, bevor sie und Richard die Verstrickungen der Mordfälle gelöst hatten, mussten sie für beschuldigende Beweise gegen die alte Vanderzee sorgen. Sie hatten einen eher spärlich durchdachten Plan angewandt: Etwas schwachsinnige, stumme Schwester sucht Asyl bei fremden Leuten vor ihrem brutalen, besoffenen Bruder. Wie durch ein Wunder klappte es besser als erwartet und Neferu kam ins Haus, wo auf sie aufgepasst wurde. Richard schnauzte ihren Gastgebern irgendein Märchen entgegen, für dessen Kreativität Neferu ihn einen Augenblick lang bewunderte.
Sie glaubte also in ihrer Idiotie mit einem Mann verlobt zu sein, der nichts von ihr wissen wollte und versetzte ihre Eltern so in Gram und Schande – so die Geschichte.
Abwartend und über die schauspielerische Vorgabe des Freundes von den Pirateninseln nachdenkend, blieb ihr nichts anderes übrig als an ihrem „Zufluchtsort“ zu warten.
Lautes Klopfen. Richard war zurück mit Phexdan im Schlepptau, der der schwachsinnigen Stummen äußerst dramatisch bewusst machte, dass auch er sie liebte und dass sie zwei endlich wieder vereint sein sollten. Nur ein Schauspiel, das war ihr mehr als bewusst. Und Phexdan war gut darin, als er sie umarmte. Nichts anderes hatte sie von ihm erwartet. Er war ihr ähnlich. Spielerisch und vorgaukelnd – in dem Moment, durch diesen einen Gedanken wurde ihr tiefkalt und sie schüttelte sich leicht.
Im Nachhinein hatte sich ohnehin herausgestellt, dass Richard ihm für die Farce zwanzig Dukaten hatte zukommen lassen, auch wenn Phexdan es sich nicht nehmen ließ in seiner provokanten Art zu beteuern, dass er die Rolle des Verlobten auch für keinerlei Entgelt übernommen hätte.
Als die Belohnung ausgezahlt und Richard und sie in ganz Grangor als Helden bezeichnet wurden, führte ihr Weg sie erneut zu Phexdan.
In den vorangegangenen Tagen hatte sie viel über ihn erfahren. Noch immer lag einiges im Dunkeln, sprach doch meistens sie bei ihren Begegnungen, aber die Streunerin ging davon aus, ihn dennoch einschätzen zu können. Er war ein Bettler, gleichsam ein fingerfertiger Gaukler, Taschenspieler, Lebemann. Er schlief im Rahjatempel (was für sie schon Indiz genug war) oder in der „Offenen Hand“ in einem eigenen Zimmer. Er trug bunte Kleidung unter seiner Bettlerkluft. Und… Er war ein hoher Geweihter ihres Gottes.
Aus diesem Grund hatte sie vor gehabt, ihn ein allerletztes Mal aufzusuchen… auch wenn es nicht bei diesem Vorhaben blieb.
„Du musst dich mir… ganz öffnen. Vertrau mir.“ War seine Reaktion auf ihre Bitte sie zu lehren und ebenso eine anbietend ausgestreckte Hand.
Sie reichte ihm die Ihrige und er führte sie tief in den Efferdtempel.
Zugegebenermaßen hatte sie sich bereits auf etwas Tuchfühlung eingestellt. Sie hatte mit sich abgemacht spontan zu reagieren, da sie ihr Verhalten nicht zu planen im Stande war.
Was folgte war unbeschreiblich. In der Kammer legte er seine Hände auf ihre Schultern, nachdem er sie dazu angehalten hatte zu Phex zu beten. Ein unvergleichliches Gefühl durchströmte sie und sie warf den Kopf in den Nacken, während ihre Augen wie im Rausch glasig wurden. Eine Woche verbrachten sie beide zusammen in dieser Kammer.
Die Entrückung, die sie ihrem Gott näher denn je gebracht hatte, war bei ihr bereits nach drei Tagen verklungen, aber sie verließ die Kammer nicht. Sie wusste, es hätte genug gegeben, die sich um ihn kümmern wollten. Es hätte vermutlich genug gegeben, die sich darum rissen, ihn, der wie entrückt auf dem Boden lag, zu gesellschaften. Aber sie wollte all jene in diesen wenigen Stunden ausstechen.
Als er erwachte, schlief sie bei ihm auf dem Boden. Sie geleitete ihn zu seiner Kammer in der Herberge, nachdem er sich gewaschen und etwas gegessen hatte. Beide waren von echter Müdigkeit gezeichnet. Er bot ihr an in seinem Zimmer zu nächtigen.
„Du kannst bei mir schlafen.“
„Wie lange..?“
„Eine Woche..?“
„Nur eine Woche…?“
„Oder auch einen Monat. Ich lege mir eine Matte auf den Boden und du kannst im Bett nächtigen.“

Eine Nacht lang ging sie darauf ein. Als er tief und fest schlief, gab sie sich dem Gefühl, das in ihr keimte einen kurzen Moment hin. Sie betrachtete ihn und sank neben ihn auf den Boden. Vorsichtig und ohne ihn zu berühren, näherte sie sich. Tief einatmend, sog sie die Luft in ihre Lungen, die seine Haut in Schulterregion umgab. Rosenduft.
Am nächsten Morgen verließ er das Zimmer früh. Sie gab vor zu schlafen. Kaum war er fort, schrieb sie auf einen der herumliegenden Zettel (es war nicht gerade aufgeräumt in seinem kleinen Reich) eine Nachricht: Ich werde fortan wieder bei den Hortemanns schlafen. Du solltest dein Bett für dich haben.
Die folgende Nacht ließ sie die Worte wahr sein.
Dann, ohne ihren Rucksack, ihre Waffen oder ihre Rüstung verließ sie noch vorm Dämmerlicht so unauffällig wie möglich Grangor.